Sipai-Kanzerovka
Sipai-Kanzerovka

Geschichte des Dorfes

In Bearbeitung.

Unsere Heimat nach 22 Jahren von David Olfert

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir.“ Hebr. 13,14

 

Mit einer Gruppe Geschwister aus der Gemeinde Lübecke besuchten wir im Sommer 2010 unsere Dorf Kanzerovka. Der eigentliche Zweck der Reise war die Mitgestaltung einer Kinderwoche.

Wir nutzen aber auch die Möglichkeit zu erfahren, was noch von unserem Dorf, wie wir es kannten, übrig geblieben ist. Das Erste was auffällt, ist die Stille und die von Gras überwachsenden Straßen, welche immer so hart und glatt gefahren waren zu der Zeit als das Dorf noch voller Bewegung und Menschen war. Von der Straße aus, es sei die Sowjetstrasse oder die Puschkinastraße, sind die Häuser kaum zu sehen, so dicht sind sie zugewachsen. Die Vorgärten haben sich zu richtigen Wäldern entwickelt. Wenn man sich dann erinnert an die vielen Menschen, die Straßen und Höfe voller Kinder, so kommt die Aussage des oben zitierten Wortes Gottes fühlbar nahe. Man sieht es, man hat es erlebt, alles ist vergänglich auf dieser Welt. Aber die Erinnerung kann und soll uns dennoch zur Dankbarkeit anregen. Wie viel Gutes haben wir auf diesem Plätzchen Erde erlebt!

Das Bethaus und der Friedhof sind zwei Plätze, die sich kaum verändert haben. Nur das auf dem Friedhof manche Gräber mit Kreuzen stehen, was zu unserer Zeit noch nicht üblich war.

Aber wenn man dort entlang geht und die vertrauten Aufschriften und Bilder sieht, kommen viele Erinnerungen hoch.

Die Schluchten um das Dorf herum haben sich auch sehr verändert. Meistens dicht zugewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Besonders der erste Damm mit dem roten Dammstein ist nicht zu erkennen. Mit viel Arbeit und viel Fleiß haben unsere Vorfahren und auch die späteren Nachkommen der ersten Siedler sich ihren Lebensunterhalt geschaffen haben. Jetzt ist es alles Vergangenheit.

„Wir sind Gäste und Fremdlinge hier auf Erden …“ Ein wahres „Zuhause“ erwartet uns in der Zukunft, das ist nicht von Menschen erbaut ist.

 

 

 

 

 

Bericht von Peter Klassen:

 

Im Jahr 1990 sind wir als einer der letzten deutschen Familien aus Kanzerovka weggezogen. Zu dieser Zeit kamen schon viele neue, uns unbekannte Menschen ins Dorf.

 

Im Mai 2000 – genau 10 Jahre später – kehrte ich zurück. Wir sind mit einer Gruppe von 12 Personen nach Kanzerovka gereist. Wir kamen aus vier verschiedene Städte: Harsewinkel, Lübecke, Espelkamp und Minden. Unser Ziel war es, dass Bethaus zu renovieren und nebenbei Gottesdienste durchzuführen. Die Renovierung konnten wir wegen schlechtem Wetter nicht durchführen, jedoch die Gottesdienste. Wir haben die Dorfbewohner eingeladen und es kamen sehr viele, das Bethaus war voll. Es war der erste Gottesdienst, welcher von den Deutschen organisiert wurde. Die Einwohner hatten zwar ab und zu einen Gottesdienst, welche von einem Prediger aus Petrovka geleitet wurde.

 

Wir sangen mit den Einwohner, erzählten Zeugnisse und predigten. Im Dorf wohnte auch eine gläubige Schwester mit Namne Luda Pintschik. Sie versammelte die Kinder des Dorfes zu Kinderstunden und lehrte ihnen das Wort Gottes. Ebenfalls organisierte sie einen Kinderchor. Sie versuchte, dass geistliche Leben im Dort aufrecht zu erhalten. Wir unternahmen auch einen Ausflug mit den Kindern zu der Birkenallee.

 

Wir hielten uns eine Woche in Kanzerovka auf. Natürlich besuchten wir auch die umliegenden Dörfer, aber vorwiegend waren in Kanzerovka.

 

Im September 2000 fuhr eine andere Gruppe nach Kanzerovka, welche dann die Renovierung durchführten. Zu diesem Zeitpunkt war das Bethaus noch gut erhalten. Die Sprüche, welche wir damals an die Wand getan hatten, waren noch vorhanden, unter anderem auch der Spruch „Jesu Blut macht uns rein von jeder Schuld“.
Der Lebensmittelmarkt und die Schule waren ebenfalls noch intakt.

 

Jedoch begann man bereits in diesem Jahr, Häuser auseinander zu nehmen und in die Stadt ab zu transportieren.

 

Gerade zu der Zeit, als wir dort waren, wurde das Haus von Peter Martens auseinandergebaut und das Haus von Peter Petkau senj. stand ohne Dacht da.

 

Von 2000 bin ich jedes zweite Jahr nach Kanzerovka gefahren und konnte so den Verfall des Dorfes miterleben.

 

2002 waren viele Häuser schon weg und einige Bewohner, mit welchen wir uns 2000 bekannt gemacht haben, waren auch nicht mehr dort.

 

Zwei Jahre später war das Dorfbüro auseinander genommen. Im Betshaus wohnte ein Bruder, welcher sich bekehrt hatte und passte auf das Betshaus auf. Er kam wahrscheinlich aus Asien, seine genaue Herkunft war mir nicht bekannt.

 

Auch in diesem Jahr organsierten wir Gottesdienste. Wir gingen durch von Haus zu Haus und luden die Einwohner ein. Es kamen relativ viele.

 

2006 war die Möglichkeit zum Gottesdienst nicht mehr gegeben. Ein deutscher Einwohner des Dorfes hatte zwar noch ein Auge auf das Betshaus, jedoch war das geistliche Leben im Dorf vollkommen zum Stillstand gekommen. Die gläubige Schwester ist nach Moskau gezogen.

 

An meine Reise im Jahr 2008 kann ich mich besonders an unseren Rundgang über den Friedhof erinnern. Die Gräber von den Deutschen sind wirklich gut erhalten. Sie wurden nicht randaliert. Natürlich waren sie von Unkraut überwachsen, aber die Inschriften waren gut erhalten.

 

Als wir 2010 nach Kanzerovka kamen, hatten in den letzten zwei Jahren ganz gewaltige Veränderungen stattgefunden. Der Kuhstall war zerbrochen, mit vielen Materialien sind sie weggefahren. Der Gemüsekeller war ebenfalls auseinandergenommen. Mit den Materialien wurden in Nr. 10 eine Waisenhause gebaut. In der Traktorengarage waren alle Fenster raugeschlagen.

 

Im Klub war alles zerstört, nur ein paar einzelnen Wände standen noch. Die Schmiede ist ebenfalls zerschlagen. Man kann sagen, dass die öffentliche Gebäude fast alle zerstört sind. Von den Privathäuser stehen vielleicht 30 noch.
Wir sind auch zum Fluss gefahren, welche aber fast ausgetrocknet war.

 

Dieses Jahr (2011) bin ich nochmal in Kanzerovka gewesen. Es war ähnlich wie 2010. Die Häuser sind kaum zu erkennen, alles ist von Bäumen, Sträuchern und Unkraut zugewachsen. Einige Häuser – es ist schwer zu sagen, wie viele es sind, sind gut gepflegt. Die Schule steht zwar noch, aber es gibt keinen Unterricht mehr. Die Kinder müssen nach Petrovka zum Unterricht fahren. Einmal in der Woche kommt ein Auto mit Lebensmittel. Es gibt keine Arbeit, nur wenn die Einwohner eine eigene Wirtschaft haben und sich selbst versorgen, können sie sich über Wasser halten.

 

Die ersten Jahre war es für mich schmerzlich zu sehen, was aus unserem Dorf geworden ist. Doch gerade in den letzten Jahren weiß ich, was mich erwartet und dann ist es nicht mehr so überraschend. Ich habe das Gefühl, dass es unser Dorf nicht mehr lange geben wird. Nur noch in unsere Erinnerung wird das Dorf Kanzerovka so wie wir es kannten, weiterleben.